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Verletzlichkeit

Früher fiel es mir wirklich schwer, vor anderen zu weinen. Ich war immer ganz tapfer und hielt, wenn möglich, immer meine Tränen so lange zurück, bis ich alleine war. Es war mir peinlich, mich vor anderen schwach und verletzlich zu zeigen, ich war einfach zu stolz.


Denn schon als Kind bekam ich immer zu hören, dass "ein Indianer keinen Schmerz kennt" also auch nicht weint. Was war denn das für eine Aussage? War ich denn ein Indianer oder was? Warum sollte ich nicht weinen, wenn ich Schmerz empfand?


Aber als Kind übernahm ich ungeprüft alles, was meine Eltern oder andere Erwachsene mir so sagten. Schließlich ging ich davon aus, dass Erwachsene immer Recht haben.


Und ist es nicht außergewöhnlich, wenn jemand in der Öffentlichkeit weint? Niemand scheint so recht damit umgehen zu können. Da ist es natürlich auch kein Wunder, dass jeder auf Biegen und Brechen versucht, sich immer fröhlich und gut gelaunt zu zeigen. Oder wie oft seht ihr z. B. auf Facebook Fotos von Menschen, die nicht total glücklich, liebevoll und/oder erfolgreich sind?

Wer postet schon ein Bild, auf dem er traurig, wütend, enttäuscht, verletzt o.ä. ist? Aber macht uns nicht gerade das aus - die vielen unterschiedlichen menschlichen Emotionen?


Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, als ich kurz nach der Trennung von meinem Ex-Mann im Büro meines damaligen Chefs saß. Ich hatte mir genau zurechtgelegt, was ich sagen wollte und natürlich wollte ich dabei auch ganz sachlich bleiben.

Und dann saß ich ihm gegenüber und eine Flut von Tränen brach aus mir heraus und ich war erstmal unfähig überhaupt etwas zu sagen. Währenddessen saß mein Chef nur da und wartete geduldig ab, bis ich mich beruhigt hatte und meine Sprache wieder fand. Und dann ließ er mich reden. Und seine Reaktion darauf war einfach herzerwärmend.


Ich denke noch heute sehr gerne daran zurück, denn diese Situation ließ damals das Eis zwischen uns brechen. Es hatte uns einander nähergebracht und unsere Zusammenarbeit verbesserte sich schlagartig

Sich verletzlich zu zeigen, ist kein Zeichen von Schwäche - im Gegenteil! Es braucht Mut, seine Maske abzulegen und sich so zu zeigen, wie man wirklich ist, wie man sich gerade jetzt wirklich fühlt. Und genau das bringt die Menschen einander näher.


Deshalb ist es auch gerade in der Partnerschaft so wichtig, sich mit allem zu zeigen. Denn nur wenn man dem anderen gegenüber sein wahres Wesen offenbart, kann Nähe entstehen.

Wie viele Paare es wohl gibt, die sich immer noch einander fremd sind?


In Liebe


Alexandra



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